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Leseprobe...
Ich liebe es, abends, wenn ich müde ins Badezimmer schlurfe, auf dem Weg dahin meine Kleidungsstücke einfach fallen zu lassen. Linke Socke vor dem Bett – rechte Socke vor dem Waschbecken – den Rest dazwischen. Niemand stört sich daran. Auch das Waschen fällt so aus, wie ich es für angebracht halte. Ich muss nicht körpergepeelt, gecremt und verführerisch duftend unter die Bettdecke schlüpfen. Und pflegen kann ich mich immer dann, wenn ich es für nötig halte. Ich lege eine Maske, ohne befürchten zu müssen, dass sich jemand tödlich erschreckt, wenn ich um die nächste Ecke biege. Masken können nämlich grässlich aussehen. Mit der Gurkenmaske zum Beispiel bin ich in der Lage, innerhalb von zwei Minuten zum Zombie zu mutieren. Die Liftingmaske der Firma L. hingegen ist rosafarben und verwandelt mich in ein duftendes Rosenblättchen. Als kreativer Mensch liebe ich diese Verwandlungen, und meiner Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Ja, das Alleinesein hat viele Vorteile. Morgens räkele ich mich aus dem Bett, trete zerknittert und mit aufgelösten Haaren vor den Spiegel und stelle dann immer beglückt fest, dass ich sein kann, wie ich will. Keine hektischen Schminkversuche oder der ungelenke, verzweifelte Griff zur Haarbürste, nur weil der Liebste mich jeden Moment, und das bei Tageslicht, überraschen könnte. Meinen morgendlichen Kaffee darf ich schlürfen, was für mich den Genuss schon immer gewaltig erhöht hat. Und ich gebe mich mit meiner Lieblingsmarmelade, dänischer Hagebuttenkonfitüre, zufrieden, ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, dass mein Angebot zu bescheiden ist. Nach manch kurzer Beziehung hatte ich Wochen nur damit zu tun, die verschiedensten Gläser zu leeren, obwohl mir die Geschmackrichtungen überhaupt nicht lagen! Für das Johannisbeergelee brauchte ich drei Wochen. Und die Orangenmarmelade habe ich meiner Nachbarin, Frau Koschwitz, geschenkt.
Mir bleibt vieles erspart. So zum Beispiel abnorme Verhaltens- und Essensgewohnheiten. Erlebte ich schon Männer, die ihre Brötchen mit vor Honig nur so triefendem Käse belegten. Oder aus den Brötchenhälften wird das Beste einfach herausgefummelt. Mit Befremden beobachtete ich häufig, wie „er“ morgens sein Ei isst. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob man aus der Art, wie Mann ein Ei von der Schale befreit, Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen könne. Da gibt es jene, die zart und unentschlossen mit dem Plastiklöffelchen klopfen, so zart, als fürchteten sie eine böse Überraschung, sobald die Schale sich löst. Das sind die Traumatisierten, es kann ja mal vorkommen, dass da doch „was“ drin ist, oder es sind die Introvertierten, die ständig mit ihrem Schicksal Hadernden. Dann gibt es die, welche entschlossen zum Messer greifen, um mit einem Schlag das Ei zu köpfen. Auch ihr Urteil über die Qualität wird dann sehr schnell gefällt: „Viel zu weich!“, oder: „Ich mag das Ei nur, wenn das Weiße fest und das Eigelb flüssig ist!“ Das sind die ganz Forschen, die, die innerhalb möglichst kurzer Zeit alles erleben wollen, die, die nichts versäumen möchten. Sie gehören zu den Gnadenlosen, nur auf Ihren Vorteil Bedachten, während die anderen überhaupt nie wissen, was sie wollen.
……..
Während ich damit beschäftigt war, etwas zu suchen, ich glaube manchmal, ich verbringe einen großen Teil meines Lebens damit, etwas zu suchen, dachte ich darüber nach, wie sie wohl sein würde, meine Begegnung mit Eva.
Die Suche nach dem großen Glück verlief bisher genauso erfolglos, wie die momentane, verzweifelte Suche nach meinem Deostift. Immer wieder musste ich feststellen, dass Frauen ab einem gewissen Alter doch mehr an sich selbst glauben als an die Möglichkeit, einen Mann zu finden, der zu ihnen passt. Anfangs waren meine Bemühungen von großer Hoffnung geprägt, doch bald stellte ich fest, dass es offenbar eine nie endende Kausalkette von ähnlich gelagerten weiblichen Einzelschicksalen war, auf die ich bei meinen unermüdlichen Bemühungen um das weibliche Geschlecht gestoßen war.
Es gab auch einige Exemplare attraktiver Weiblichkeit, wo der Ursprung des Single-Daseins nicht auf verkrachte Altlasten zurückzuführen war. In diesen Fällen wurde oft eine angebliche, aber sicher tatsächlich nicht zu unterschätzende Rücksichtnahme auf Kinder, Beruf, und was sonst noch alles so vorgeschoben wurde, als Grund des Alleinseins genannt.
Nachdem alle Versuche meines sozialen Umfeldes, mich zu verkuppeln fehlgeschlagen waren, versuchte ich mein Problem selbst zu lösen: Im Tennisverein setzte ich mich erwartungsvoll auf der Terrasse in Pose, an der Volkshochschule glänzte ich durch rege Mitarbeit, und in diversen Fitnessclubs gab ich zumindest an der Sportbar ein gutes Bild ab. Selbst vor einem Kochkurs schreckte ich nicht zurück. Das Einzige was für mich dabei herauskam, war eine Perfektionierung meiner Kenntnisse über Soßen. Fügt man dem Spargelwasser etwas Zucker und Zitronensaft bei, so bekommt dieses Gemüse ein unglaublich lieblichen Geschmack. Aber alleine schmeckte mir Spargel nicht.
Eine letzte Möglichkeit nun doch noch den erhofften Erfolg für mich verbuchen zu können sah ich in einer so genannten Flirtline im Internet, www.net-liebe.net.
Irgendwie erinnerte mich diese Art der virtuellen Kommunikation an eines meiner einschlägigen Erlebnisse, die ich heute als einen nicht wegzudenkenden Teil meines Lebens bezeichnen möchte.
………
Ich schob meinen Einkaufswagen durch den Supermarkt. Unentschlossenen Hausfrauen beim Gemüse, heulende Kinder bei den Süßigkeiten, Rentner am Lottostand.
In jedem Mann sah ich Markus. War es der mit der dicken Brille und dem Bierbäuchlein am Brotstand? Auf dem Foto hatte er keine Brille. War es der Mann an der Fleischtheke mit den grauen Schläfen, der interessiert das ihm vom Fleischer präsentierte Kotelett beäugte? Das konnte nicht sein – Markus war blond.
Noch nie waren mir so viele einkaufende Männer begegnet wie an jenem Tag.
Ich wollte es möglichst schnell hinter mich bringen und stand überpünktlich an der Gefriertruhe, als Markus angeschlichen kam.
……
Nach einigen Umwegen erreichte ich die Straße. Schöne sanierte Altbauten aus der Jugendstilzeit, eine Vielzahl von Bäumen und Sträuchern umsäumte sie, und die adretten Vorgärten gaben dem Ganzen irgendwie etwas Ländlich-Spießiges. Alles schien hier seine Ordnung zu haben.
Vor dem Haus mit der Nummer 4 blieb ich stehen. Auf einem goldenen Schild stand in schwarzen Lettern: „Dr. Vanessa Piers, Psychoanalytikerin“. Das Schild blitzte mir dermaßen entgegen, dass ich automatisch einen Schritt zurückwich.
Instinktiv nahm ich einen Meter Abstand, so als bräuchte ich das erst mal als Sicherheitsabstand, um nicht aufgesogen zu werden. Aufgesogen von einem „Seelenstaubsauger“. Ich fühlte mich plötzlich so unangenehm berührt, und die böse Vorahnung, sie könnte womöglich ihren Finger in alle möglichen Wunden legen, machte mir Angst. Ich dachte an Doro, Ulis beste Freundin. Die war zwar unheimlich nett und herzlich, aber sie hatte auch oft so eine unangenehme Art an sich, andere zu befragen und durchdringend anzuschauen.
Unentschlossen blieb ich vor dem Schild stehen.
Sie musste mich schon gesehen haben, denn sie kam, noch bevor ich klingelte, nach draußen und umarmte mich, so als wären wir bereits alte Bekannte. Sicher wollte sie damit nur mein Vertrauen erschleichen und mich zugänglich machen für ihr nun bestimmt folgendes Verhör. Ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre gleich wieder gegangen.
Aber es kam alles ganz anders.
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